Ohne Mikrobiologie ist alles nichts – und ohne Chemie erst recht

Prof. Dr. Helge M. Bode kehrt für einen faszinierenden Vortrag an seine ehemalige Schule zurück

Manchmal schließt sich ein Kreis: 1992 machte Helge B. Bode am Oberstufengymnasium Eschwege sein Abitur. Mehr als drei Jahrzehnte später kehrte er nun an seine ehemalige Schule als international renommierter Wissenschaftler und Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg zurück. Für die Schülerinnen und Schüler der Q1 und Q3 hatte er nicht nur Einblicke in seine Forschung, sondern auch jede Menge Anschauungsmaterial, Experimente und Fragen im Gepäck.

Schon der Titel seines Vortrags „Ohne Mikrobiologie ist alles nichts – und ohne Chemie erst recht“machte deutlich, dass an diesem Vormittag keine trockene Wissenschaftsvorlesung zu erwarten war. Stattdessen gelang es Bode von Beginn an, komplexe Forschung ebenso verständlich wie unterhaltsam zu vermitteln und die Schülerinnen und Schüler aktiv einzubeziehen.

Dabei war der Besuch für den Wissenschaftler zugleich eine Rückkehr an einen vertrauten Ort. Bode erinnerte sich gerne an seine eigene Schulzeit am Oberstufengymnasium und sogar an den Raum, in dem er vor langer Zeit eine seiner Abiturprüfungen geschrieben hatte. Nach seinem Abitur 1992 führte ihn sein Weg zunächst zum Studium der Chemie und Biologie nach Göttingen. Über verschiedene wissenschaftliche Stationen im In- und Ausland gelangte er schließlich nach Marburg. Seit 2020 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie und leitet dort die Abteilung „Naturstoffe in Organismischen Interaktionen“.

Wie sehr ihm neben der Forschung auch die Vermittlung von Wissenschaft am Herzen liegt, wurde während des gesamten Vortrags deutlich. Auf den Plätzen der Schülerinnen und Schüler lagen zu Beginn drei Karten – rot, gelb und grün. Immer wieder stellte Bode Fragen, die das Publikum durch Hochhalten der entsprechenden Karte beantworten konnte. Mal ging es um persönliche Interessen, mal um chemisches Vorwissen und immer wieder um überraschende Schätzfragen.

So sollten die Jugendlichen beispielsweise überlegen, welche Menge eine Milliarde Reiskörner wohl ergeben würde. Der Hintergrund war ein ganz anderer Größenbereich: Bakterien sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Erst wenn sich sehr viele von ihnen zu einer Kolonie zusammengeschlossen haben, werden sie für uns sichtbar. Eine Milliarde, eine Zahl, die zunächst abstrakt klingt, bekam so plötzlich eine ganz konkrete Dimension.

Überhaupt verstand es Bode immer wieder, kaum vorstellbare Größenordnungen und Zeiträume anschaulich zu machen. Eine Art Zollstock wurde kurzerhand zur Zeitleiste der Erdgeschichte. Die Schülerinnen und Schüler mussten einschätzen, wann die ersten Bakterien auf der Erde auftauchten und wo auf dieser Zeitleiste Algen, Dinosaurier und schließlich der Mensch ihren Platz finden. Auf diese Weise wurde eindrucksvoll sichtbar, wie jung der Mensch im Vergleich zu den Mikroorganismen ist, die unseren Planeten bereits seit Milliarden von Jahren bevölkern.

Mikrobiologie gab es dabei nicht nur zum Anschauen und Zuhören, sondern sogar zum Anfassen und Riechen. Bode hatte Petrischalen mit Bakterienkulturen mitgebracht, die durch die Reihen gegeben wurden. So konnten die Schülerinnen und Schüler selbst erleben, dass Mikroorganismen keineswegs nur abstrakte Gebilde aus dem Biologiebuch sind.

Besonders eindrucksvoll wurde es, als der Hörsaal selbst zum Modell eines biochemischen Prozesses wurde. Gemeinsam stellten Schülerinnen und Schüler in einer menschlichen Kette eine nicht-ribosomale Peptidsynthetase nach. Solche komplexen Enzymsysteme funktionieren vereinfacht gesagt wie molekulare Fließbänder: Verschiedene Bausteine werden Schritt für Schritt zusammengesetzt, sodass am Ende neue Moleküle entstehen. Genau solche Systeme spielen auch in Bodes Forschung eine wichtige Rolle, unter anderem mit Blick auf biologisch aktive Naturstoffe und mögliche neue Wirkstoffe.

Dass hinter all diesen Inhalten hochkomplexe Spitzenforschung steckt, geriet bei der Leichtigkeit des Vortrags beinahe in Vergessenheit. Bode begegnete den Jugendlichen auf Augenhöhe, bewegte sich mitten unter ihnen, fragte nach, ließ schätzen, ausprobieren und mitdenken und vermittelte seine Begeisterung für Chemie und Mikrobiologie stets mit einer guten Portion Humor und Augenzwinkern.

So wurde aus einem Vortrag über Bakterien und Chemie weit mehr als eine wissenschaftliche Veranstaltung. Die Schülerinnen und Schüler erlebten unmittelbar, wie spannend Forschung sein kann und wie aus einem Abiturienten des Oberstufengymnasiums Eschwege ein Wissenschaftler werden kann, dessen Forschung heute weit über Deutschland hinaus Beachtung findet.

Und vielleicht war genau das eine der wichtigsten Botschaften dieses Vormittags: Wissenschaft beginnt nicht erst in einem Max-Planck-Institut. Manchmal beginnt sie in einem Klassenraum, möglicherweise sogar in genau dem Raum, in dem man Jahre zuvor selbst einmal seine Abiturprüfung geschrieben hat.

Oberstufengymnasium Eschwege

Gymnasium des Werra-Meißner-Kreises
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