Acht Stunden Schreiben – und plötzlich fliegen die Ideen

Schreibwerkstatt mit Leonhard F. Seidl

Von 8 bis 15 Uhr nur schreiben? Was zunächst nach einer Herausforderung klingt, wurde für 19 Schülerinnen und Schüler des Deutsch-Leistungskurses der Jahrgangsstufe 12 am Oberstufengymnasium zu einem intensiven und überraschend kurzweiligen Arbeitstag. Denn mit dem Autor Leonhard F. Seidl war ein Gast vor Ort, der Literatur nicht nur erklärt, sondern erlebbar macht.

Bereits im Laufe des Schuljahres hatte Seidl den Jahrgang mit seinem Roman Fronten vertraut gemacht und in einem Online-Vortrag zum Thema Framing Denkanstöße gegeben. In der nun durchgeführten Schreibwerkstatt ging es einen Schritt weiter: weg von der Analyse, hin zum eigenen Schreiben.

Der Einstieg erfolgte über eine Übung in Zweierteams: In sogenannten „Partnerbildern“ beschrieben sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig – nicht äußerlich, sondern anhand von Eindrücken, Eigenschaften und spontanen Assoziationen. Dieser Perspektivwechsel schärfte den Blick für Figuren und ihre Wirkung.

Anschließend sammelte der Kurs mögliche Gefühle und Stimmungen, die anschließend in Clustern geordnet wurden, sodass sich erste thematische Felder herausbildeten. Auf dieser Grundlage entstanden kurze, angeleitete Gedichte, in denen die Schülerinnen und Schüler mit Sprache experimentierten und ihren Gedanken mehr Tiefe verliehen.

Erst danach rückte Seidls Roman Fronten wieder in den Mittelpunkt: Die Jugendlichen hörten ausgewählte Textausschnitte und griffen die darin dargestellten Figuren und Konflikte auf. Aufbauend darauf entwickelten sie eigene Figuren und schrieben Szenen aus deren Perspektive weiter. So entstanden neue Handlungsansätze und individuelle Blickwinkel – eine Arbeit, die literarisches Verständnis und kreative Eigenleistung eng miteinander verband.

Seidl strukturierte den Tag klar, ohne ihn einzuengen. Schreibphasen wechselten sich mit kurzen Besprechungen ab, in denen Texte freiwillig vorgelesen und gemeinsam reflektiert wurden. Der Autor gab gezielte Rückmeldungen, stellte Fragen („Was treibt diese Figur an?“, „Wo entsteht Spannung?“) und lenkte den Blick immer wieder auf konkrete sprachliche Entscheidungen.

Auffällig war, wie schnell sich die Arbeitsatmosphäre veränderte: Anfangs noch zurückhaltend, arbeiteten die Schülerinnen und Schüler zunehmend konzentriert und vertieft. Der Raum wurde ruhiger, die Texte länger, die Ideen mutiger.

Der lange Zeitraum erwies sich dabei als entscheidender Vorteil. Anders als im üblichen Unterricht konnten Gedanken entwickelt, verworfen und neu aufgebaut werden. Schreiben wurde nicht nur als kurzfristige Aufgabe verstanden, sondern als Prozess, der Zeit braucht – und genau diese Zeit stand an diesem Tag zur Verfügung.

Ermöglicht wurde die Schreibwerkstatt durch die finanzielle Unterstützung des Lions Club Eschwege, der solche Projekte zur Förderung von Bildung und Kreativität gezielt begleitet. Die Initiative für den Projekttag unter dem Motto „Die Macht des Wortes“ geht auf Professor Dr. Korenkov zurück, der damit einen Raum schuf, in dem literarisches Arbeiten jenseits des Unterrichts erfahrbar werden konnte. Die Schreibwerkstatt zeigte, was Literaturunterricht leisten kann, wenn er über die Analyse hinausgeht: Er eröffnet Räume für eigene Stimmen. Oder, wie eine Schülerin es formulierte: „Man merkt erst beim Schreiben, wie viel man eigentlich zu sagen hat.“

(Christina Csenar)

OG Eschwege

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