Vom antiken Rom in die Zukunft Europas

Den Sprung vom antiken römischen Weltreich zum heutigen Europa haben jetzt Schüler des Oberstufengymnasiums Eschwege gewagt und dabei Europa als Lebensgefühl fernab des politischen Kleinkleins kennengelernt. „Durch mein Leben in Italien habe ich erfahren, dass man in einem anderen Land kein anderer Mensch wird, aber die eigenen Ansichten und Vorlieben erweitert, und dass ich überall auf Menschen treffe, die mit mir dieselben Grundwerte teilen“, berichtete Daniel Eichenberg bei einer eher ungewöhnlichen Geschichtsstunde in zwei Klassen des 11. Jahrgangs. Eichenberg ist Autor des Buches „Wohin mit Europa? Junge Europäer auf der Suche nach gemeinsamen Zielen“, in dem neun junge Menschen aus sieben verschiedenen Ländern über Fragen zur Zukunft Europas diskutieren. Die Lesung, verbunden mit intensivem Gedankenaustausch über Europa, wurde von der „Partnerschaft für Demokratie Werra Meißner-Kreis“ im Rahmen des Bundesprogramms “Demokratie leben!” gefördert. 

Über die zentrale Frage des Buches „Wer oder was sind Kulturgemeinschaften?“ näherten sich auch die Schüler dem Thema der Lesung „Wohin mit Europa?“. Neuere Untersuchungen zum Begriff Kulturgemeinschaft machten deutlich, dass jeder seinen je eigenen Kulturraum mit Menschen in Kulturgemeinschaften bilde, die an Interessen, Einstellungen, Haltungen und Grundwerten orientiert und damit über Ländergrenzen hinaus wirksam seien, erläuterte Eichenberg, der selbst aus Bad Sooden-Allendorf stammt. Er betonte: „Nationalität hat keinen großen Einfluss auf die Lebenseinstellung“, die vielmehr durch sozioökonomische Faktoren bestimmt werde. Für junge Menschen habe die starke soziale Vernetzung durch die Möglichkeiten des Internets und die zahlreichen Möglichkeiten zum kulturellen Austausch durch Praktika und Studium oder Berufsausübung in ganz Europa das Leben in den letzten Jahrzehnten massiv verändert und den Lebensraum auf ganz Europa erweitert. Daraus ergäben sich andere Erwartungen an Europa als früher und es sei heute die Aufgabe, ein neues europäisches Innenleben zu gestalten.

Wie das gehen könnte, macht Eichenbergs Buch deutlich, dessen Mitautoren aus sieben Ländern allesamt auch seine Freunde sind. Zwei von ihnen waren bei dem Gespräch am Oberstufengymnasium dabei – live zugeschaltet aus Lampedusa und aus Karlsruhe. Motivation für alle, sich auf den Weg nach Europa zu begeben, war der Reiz, andere Sprachen und das Leben in anderen Ländern kennenzulernen. Niccolò Parigini, der außer in Italien und Deutschland auch schon in Jordanien und im Libanon gelebt und gearbeitet hat, berichtete auch von seiner aktuellen Arbeit mit Geflüchteten auf der zu Italien gehörenden und vor der nordafrikanischen Küste liegenden Insel Lampedusa. Mitten in die Live-Schaltung kam die Nachricht seiner Kollegen, dass gerade ein Boot mit Geflüchteten angelandet sei, die mit Wasser und Essen, aber auch Decken versorgt werden müssten, ehe sie in 14tägige Quarantäne wieder auf ein Schiff mitten auf dem Meer verbracht würden. Wichtiger als die Erstversorgung mit Wasser sei es, so Parigini, den Geflüchteten ein Zeichen menschlicher Zuwendung zu geben. Und so waren die Schüler für einen berührenden Moment unvermittelt ganz nah dran am Flüchtlingsdrama an den Grenzen Europas, das die Helfer hilflos macht und am politischen Europa auch verzweifeln lässt.

So führte die Lesung nicht nur zu einem Nachdenken und Sprechen über Europa, sondern war wegen der Live-Zuschaltungen auch ein Beispiel für die internationale Vernetzung und für die Möglichkeiten der online-Kommunikation, aber auch dafür, was mit viel Initiative und Engagement gelingen kann, denn das Buchprojekt entstand als kleine Idee, entwickelte sich allmählich über unzählige Telefonate, Skype-Konferenzen und Besprechungen zu einem länderübergreifenden Gemeinschaftsprojekt. Die Umsetzung des Projekts wurde schließlich durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne finanziert und das Buch dann im Selbstverlag publiziert  –  auch dies ein Prozess, der beeindruckte.

 

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